Erinnerung in Bewegung

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Memory in Motion
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Erinnerung
in
Bewegung

Photo by Philippe Halsman © Philippe Halsman Estate 2026

„Der Sprung als körperliche und symbolische Geste gegen das Erstarren – als Intervention im öffentlichen Raum.“
“The jump as a physical and symbolic gesture against stagnation — as an intervention in public space.”
„Eine Einladung, sich mit Geschichte und Fragen nach Antisemitismus, Ausgrenzung und der Macht von Vorurteilen auseinanderzusetzen.“
„An invitation to engage with history and to reflect on questions of antisemitism, exclusion, and the power of prejudice.”

Michael Strasser für Kunst im
öffentlichen Raum Tirol

HALSMANJUMP ist ein interaktives partizipatives Kunstprojekt, das die bewegte Lebensgeschichte des jüdisch-lettischen Fotografen Philippe Halsman und den weitgehend vergessenen Justizskandal von 1928/29 in Tirol zum Ausgangspunkt nimmt. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen – zwischen Angst, Wut, Zuversicht und Hoffnung – stellt das Projekt Fragen nach Sichtbarkeit, Erinnerung und Beteiligung.

HALSMANJUMP Erinnerung in Bewegung ist ein interaktives, partizipatives Kunstprojekt, das die bewegte Lebensgeschichte des jüdisch-lettischen Fotografen Philippe Halsman und den weitgehend vergessenen Justizskandal von 1928/29 in Tirol als Ausgangspunkt nimmt. In einer Zeit geprägt von wachsenden gesellschaftlichen Spannungen – zwischen Angst, Wut, Zuversicht und Hoffnung – stellt das Projekt Fragen nach Sichtbarkeit, Erinnerung und Beteiligung. 

Das Projekt bewegt sich im Spannungsfeld von Körper und Emotion, von kollektiver Erinnerung und individueller Verarbeitung. Der Moment des Sprungs – körperlich wie symbolisch – wird zur Geste gegen das Erstarren angesichts historischer Ungerechtigkeiten, zur Intervention im öffentlichen Raum, zur Einladung an die Gesellschaft, sich selbst mit Fragen nach Antisemitismus, Ausgrenzung und der Macht von Vorurteilen auseinanderzusetzen. Die eigens für das Projekt entwickelte Webseite gewährt durch Texte von Historiker:innen einen tieferen Einblick in die Geschichte und den Gerichtsprozess und wird durch die Möglichkeit die eigenen Sprungfotos zu veröffentlichen, zu einer digitalen Gedenkplattform.

Philippe Halsman (1906–1979) wurde in Riga geboren und zählte später zu den bedeutensten US-amerikanischen Portraitfotografen des 20. Jahrhunderts. 1928 kam es während einer Wanderung in den Tiroler Alpen zu einem tragischen Vorfall: Sein Vater kam ums Leben, und Halsman wurde – trotz einer sehr umstrittenen Beweislage – in Innsbruck wegen angeblicher Beteiligung verurteilt. Der Prozess erregte internationales Aufsehen; nach mehreren Jahren Haft wurde er vor allem durch den unermüdlichen Einsatz der Familie und prominenter Unterstützer:innen (u. a. Albert Einstein, Thomas Mann) 1931 begnadigt und freigelassen. Halsman ging zunächst nach Frankreich, wo er als Portraitfotograf für Magazine wie Vogue arbeitete. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten emigrierte er 1940 in die USA. Dort entwickelte er sich zu einem der gefragtesten Fotografen seiner Zeit. Über 100 seiner Portraits erschienen auf dem Cover des Life-Magazins, und er arbeitete mit Persönlichkeiten wie Marilyn Monroe, Salvador Dalí, Albert Einstein und Richard Nixon.

Berühmt wurde Halsman auch durch seine „Jumpology“ – eine Portraittechnik, bei der er seine Modelle zum Springen einlud. Er war überzeugt, dass sich in diesem Moment die Selbstkontrolle löse und ein authentischer, ungezwungener Ausdruck entstehe. Seine „Jump“-Serie umfasst über 200 Prominente und gilt als humorvoller wie psychologischer Höhepunkt seines Werks. Hier zu sehen ist ein Selbstportrait im Sprung, auf einem Flugfeld vor einer Cessna. Philippe Halsman starb 1979 in New York. Sein Werk verbindet technische Präzision, psychologischen Scharfsinn und oft spielerische Kreativität.

HALSMANJUMP Memory in Motion is an interactive, participatory art project that seeks to make visible both the eventful life story of the Jewish-Latvian photographer Philippe Halsman and the largely forgotten miscarriage of justice of 1928/29 in Tyrol. In a time of growing social tensions — between fear, anger, confidence, and hope – the project raises questions about visibility, remembrance, and participation.

The project moves in the space between body and emotion, between collective memory and individual reflection. The moment of the jump — both physical and symbolic — becomes a gesture against paralysis in the face of historical injustices, an intervention in public space, and an invitation towards society to engage with questions surrounding antisemitism, exclusion, and the power of prejudice. The website developed specifically for the project provides deeper insights into the history and the court proceedings through  texts by historians. By giving the opportunity to publish one’s personal jump photos, the website becomes a digital platform for remembrance.

Philippe Halsman (1906–1979) was a Riga-born photographer who later became a U.S. citizen and is considered one of the most important portrait photographers of the 20th century. In 1928, during a hike in the Tyrolean Alps, a tragic incident occurred:  his father died, and Halsman — despite highly disputed evidence ­— was convicted in Innsbruck of alleged involvement. The trial attracted international attention: after several years in prison, he was pardoned and released in 1931, most notably due to the tireless commitment of his family and the intervention of prominent supporters (including Albert Einstein and Thomas Mann). Halsman first moved to France where he worked as a portrait photographer for magazines such as Vogue. In 1940, he emigrated to the United States fleeing the Nazis. There he became one of the most sought-after photographers of his time. Over 100 of his portraits appeared on the cover of Life magazine, and he worked with famous personalities such as Marilyn Monroe, Salvador Dalí, Albert Einstein, and Richard Nixon.

Halsman became particularly famous for his “Jumpology” — a portrait technique in which he invited his subjects to jump. He believed that self-control would dissolve in this moment revealing an authentic and unguarded expression. His “Jump” series includes over 200 celebrities and is considered both a humorous and psychological peek of his work. Shown here is a self-portrait of Halsman jumping on an airfield in front of a Cessna aircraft. Philippe Halsman died in New York in 1979. His work combines technical precision, psychological insight, and often playful creativity.

ABSTRACT

Am 10. September 1928 stürzte Morduch Max Halsmann beim Wandern in den Tiroler Alpen in den Tod. Drei Monate später wurde sein Sohn wegen Vatermordes verurteilt und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Zwischen diesen beiden Ereignissen nahm einer der größten Justizskandale Österreichs seinen Anfang, der häufig als „österreichische Dreyfus-Affäre“ bezeichnet wird.

Der Mordfall gegen Philipp Halsmann hat insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein gewisses Maß an wissenschaftlicher Aufmerksamkeit erfahren. Bis heute gibt es jedoch weder eine umfassende Darstellung des Prozesses in englischer Sprache noch eine detaillierte Untersuchung der Bemühungen um die Rehabilitierung Philipp Halsmanns in irgendeiner Sprache. Der vorliegende Artikel versucht, diese Forschungslücke zu schließen.

Gestützt auf die in den Tiroler Landesarchiven (TLA) und im Österreichischen Staatsarchiv (ÖStA) aufbewahrten Akten, die sich in Privatbesitz befindliche Korrespondenz von Hermine Hupka, die zeitgenössische Medienberichterstattung über den Prozess sowie zeitgenössische und neuere wissenschaftliche Publikationen versucht der Artikel, bestimmte seit Langem bestehende Fehlvorstellungen zu korrigieren. Darüber hinaus soll die Rolle einzelner Mitglieder der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien im Prozess gegen Philipp Halsmann und in dessen Nachwirkungen aufgezeigt werden.

Veröffentlicht in: University of Vienna Law Review, Vol. 4 No 2 (2020)

* Volltext nur in englischer Sprache verfügbar. 

ABSTRACT

On 10 September 1928, Morduch Max Halsmann fell to his death while hiking in the Tyrolean Alps. Three months later, his son was convicted of patricide and sentenced to ten years’ hard labour. What lay between these events was the beginning of one of Austria’s greatest judiciary scandals, frequently dubbed “the Austrian Dreyfus Affair”.

The murder case against Philipp Halsmann has received a modicum of scholarly attention especially in the last two decades; however, there exists to date no full-length account of the trial in English, and no detailed account of the efforts undertaken to rehabilitate Philipp Halsmann in any language. This article strives to close this gap. Drawing on the files held at the Tyrolean County Archives (TCA) and the Austrian State Archives (AStA),

Hermine Hupka’s privately held correspondence, contemporary media coverage of the trial and contemporary as well as recent scholarly publications, it attempts to rectify certain long-standing misconceptions and to showcase the role individual members of the law faculty of the University of  Vienna played in Philipp Halsmann’s trial and its aftermath.

Published in: University of Vienna Law Review, Vol. 4 No 2 (2020)

ABSTRACT

Die sogenannte Halsmann-Affäre zählt zu den größten Justiz- und Presseskandalen der Ersten Republik Österreich und entwickelte sich weit über die Grenzen Tirols hinaus zu einem internationalen Politikum. Ausgelöst wurde sie durch den Tod des lettischen Zahnarztes Max Halsmann, der am 10. September 1928 während einer Bergtour im Zillertal ums Leben kam. Unter dem Verdacht, seinen Vater ermordet zu haben, wurde der 22-jährige Student Philipp Halsmann festgenommen und in Innsbruck vor Gericht gestellt.

Obwohl ein eindeutiges Tatmotiv nicht nachgewiesen werden konnte, wurde Halsmann zunächst wegen Mordes und nach Aufhebung des Urteils in einem zweiten Verfahren wegen Totschlags verurteilt.

Der vorliegende Beitrag untersucht die gesellschaftlichen, politischen und medialen Dimensionen der Halsmann-Affäre und geht der Frage nach, weshalb ein regionaler Kriminalfall eine derart außergewöhnliche nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangte. Im Zentrum der Analyse stehen dabei die Berichterstattung der zeitgenössischen Presse sowie die öffentlichen Reaktionen auf die beiden Innsbrucker Prozesse der Jahre 1928 und 1929. Anhand zahlreicher Zeitungsartikel, Stellungnahmen und wissenschaftlicher Publikationen wird deutlich, dass die juristische Auseinandersetzung rasch von grundsätzlichen Debatten über die Objektivität der österreichischen Justiz, die Rolle der Medien und die gesellschaftliche Stellung der jüdischen Bevölkerung überlagert wurde.

Besondere Bedeutung kommt dabei dem Antisemitismus der Zwischenkriegszeit zu, der sich in vielen Kommentaren, politischen Stellungnahmen und öffentlichen Äußerungen offen manifestierte. Die Person Philipp Halsmann wurde dabei zunehmend zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte stilisiert: Während liberale und jüdische Kreise den Fall als Beispiel eines antisemitisch motivierten Fehlurteils interpretierten, betrachteten nationalistische und antisemitische Gruppen die internationale Solidarität mit Halsmann als Beweis einer angeblichen „jüdischen Einflussnahme“ auf die österreichische Justiz. Der Prozess entwickelte sich dadurch zu einem Stellvertreterkonflikt zwischen Provinz und Hauptstadt, zwischen liberalen und völkischen Milieus sowie zwischen demokratischen und autoritären Gesellschaftsvorstellungen.

Die Untersuchung zeigt, dass die Halsmann-Affäre weit mehr war als ein spektakulärer Kriminalfall. Sie offenbart die politischen und gesellschaftlichen Spannungen der späten Ersten Republik und verdeutlicht die zunehmende Radikalisierung des öffentlichen Diskurses in Österreich am Ende der 1920er Jahre. Der Fall Philipp Halsmann steht somit exemplarisch für die Verflechtung von Justiz, Medien und politischer Ideologie und bietet zugleich einen aufschlussreichen Einblick in die Mechanismen antisemitischer Ausgrenzung in der österreichischen Zwischenkriegszeit.

Veröffentlicht 1991

ABSTRACT

“(…) people don’t like to talk about the trial, there are still too many strangers here.”

The Halsmann Affair in Innsbruck 1928-1991

The so-called Halsmann Affair ranks among the biggest judicial and press scandals of the First Austrian Republic and developed into an international political issue extending far beyond the borders of Tyrol. It was triggered by the death of the Latvian dentist Max Halsmann who lost his life on the 10th of September 1928 whilst on a mountain hike in the Zillertal. Suspected of having murdered his father, the 22-year-old student Philipp Halsmann was arrested and brought to trial in Innsbruck. Although no clear motive for the crime could be established, Halsmann was initially convicted of murder and, following the quashing of the verdict, of manslaughter in a second trial.

This present article examines the social, political and media dimensions of the Halsmann affair and explores why a regional criminal case attracted such extraordinary national and international attention. The analysis focuses on contemporary press coverage and public reactions to the two trials of Innsbruck in 1928 and 1929. Drawing on numerous newspaper articles, statements, and academic publications, it becomes clear that the legal dispute was quickly overshadowed by fundamental debates concerning the objectivity of the Austrian judiciary, the role of the media, and the social standing of the Jewish population.

Particular significance is attached to the anti-Semitism of the interwar period which manifested itself openly in many commentaries, political statements, and public remarks. Philipp Halsmann himself was increasingly stylised as a figure onto whom societal conflicts were projected: whilst liberal and Jewish circles interpreted the case as an example of an anti-Semitic miscarriage of justice, nationalist and anti-Semitic groups regarded the international solidarity with Halsmann as proof of alleged “Jewish influence“ on the Austrian judiciary. As a result, the trial developed into a proxy conflict between the provinces and the capital, between liberal and nationalist circles, and between democratic and authoritarian visions of society.

The study shows that the Halsmann affair was far more than just a sensational criminal case. It reveals the political and social tensions of the late First Republic and highlights the increasing radicalisation of the public discourse in Austria in the late 1920s. Thus, the case of Philipp Halsmann is a prime example of the intertwining of the judiciary, the media, and political ideology, whilst also offering an illuminating insight into the mechanisms of anti-Semitic ostracism in Austria during the interwar period.

Published in 1991

* Full text only available in German. 

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